Legasthenie & Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)

„Ich beherrsche die deutsche Sprache, aber sie gehorcht nicht immer.“
Alfred Polgar (1873-1955)

Lernschwäche

Legasthenie – was ist das?
Legasthenie setzt sich aus dem lateinischen Wort für „lesen“ und dem altgriechischen Wort für „Schwäche“ zusammen.
Es ist eine schwere und lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache und des Lesevermögens.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell, daher ist nicht gleich von Legasthenie zu sprechen, wenn ein Kind auch in der vierten oder fünften Klasse noch nicht flüssig lesen und schreiben kann.
Erst, wenn ein Schüler trotz normaler Intelligenz und Begabung große Probleme in diesem Bereich hat, liegt eventuell eine Störung vor.
Erwiesen ist, dass bei 5% aller Schüler eine Störung vorhanden ist. Erwachsene leiden genauso häufig unter Legasthenie, jedoch wird dies sehr selten öffentlich gemacht.
Oft lastet auf legasthenen Menschen, besonders auf Kindern, ein enormer Druck – sie werden zu immer häufigerem und längerem Üben angehalten, was den Teufelskreis in Gang setzt, denn herkömmliches Üben bringt keine Besserung.

Legasthenie – die typischen Symptome:
Hier sollen typische Symptome aufgelistet werden, anhand derer Eltern oder Betroffene Hinweise finden können – sicher ist die Tabelle nicht vollständig und einige Symptome können auch unspezifisch, aber dennoch eindeutig sein – wir bitten das zu beachten.
Bevor sich der Verdacht einer Legasthenie verhärtet, sollte der Betroffene einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt und einem Augenarzt vorgestellt werden, so dass Minderleistungen nicht auf fehlerhafte Funktionen in diesem Bereich zurückzuführen sind.
Wenn gutes Hören und gutes Sehen sichergestellt sind, kann es immer noch sein, dass viele der aufgelisteten Fehler im Bereich des Lese- und Schreiberwerbs vollkommen „normal“ sind, allerdings sind sie in der Regel von kurzer Dauer. Halten sie länger an und passieren gehäuft, so sind dies typische Symptome.

Probleme beim Rechtschreiben sind:

  • im Verhältnis sehr viele Fehler
  • Verwechslung von Buchstaben, die ähnlich aussehen oder klingen (b/d, d/t…)
  • Vertauschung von Buchstaben innerhalb eines Wortes
  • Weglassen von Buchstaben innerhalb eines Wortes
  • Ganze Wortteile oder Wörter fehlen im Aufsatz oder Diktat
  • Rechtschreibregeln werden oft nicht angewandt
  • Einen Text fehlerfrei abzuschreiben fällt schwer

Probleme beim Lesen sind:

  • Es wird oftmals noch in späten Lesejahren lautiert, d.h. Buchstaben oder Silben aneinander gehängt und oft verdoppelt gelesen (z.B. G-Ga-Gart-Garten), dadurch auch sehr langsames Lesen
  • Das „Loslesen“ fällt schwer, der Anfang ist verzögert
  • Buchstaben werden verwechselt
  • Wörter werden „erfunden“
  • Der Sinn des Gelesenen ist nicht klar, oftmals nicht abrufbar
  • Häufiges Korrigieren

Probleme beim Sprechen (tauchen eher bei Kleinkindern auf) sind:

  • geringer Wortschatz
  • stockendes Sprechen
  • Wortendung, Satzfolge oder Betonung oft falsch
  • Undeutliches Sprechen

Weitere Symptome sind:

  • generelle Unlust, zur Schule oder zu einem bestimmten Unterricht, der mit Lesen und Schreiben zu tun hat, zu gehen
  • Gar nicht schreiben zu wollen
  • Übergreifende Schwierigkeiten z.B. bei Textaufgaben im Fach Mathematik, da die Aufgabe lesetechnisch nicht begriffen werden kann.
  • Verkrampfte Stifthaltung
  • Sehr undeutliche Schrift
  • Viel Zeit für Hausaufgaben
  • Trotz häufigen Lernens keine Verbesserung
  • Psychische und psychosomatische Probleme wie Schulangst, Hyperaktivität, Aggressivität, mangelndes Selbstwertgefühl, Konzentrationsstörungen, Bettnässen, sich krank fühlen ohne Befund,

Legasthenie – mögliche Ursachen
Bei der Legasthenie handelt es sich um Teilleistungsstörungen, die entweder als genetische Disposition vorliegen oder sich durch heftige Vorfälle physischer oder psychischer Art später entwickeln.
Eine genetische Veranlagung wird angenommen, da Legasthenie in Familien oft gehäuft auftritt.
Die neurologische Erklärung zeigt bei Neugeborenen aus Risikofamilien (gentechnisch betrachtet) abweichende Hinstrommuster bei der Darbietung sprachlicher und nicht-sprachlicher akustischer Stimuli. Gleiche Abweichungen sind bei legasthenen Menschen zu beobachten.
Verzögerte Sprachentwicklung kann ebenfalls als Ursache gesehen werden. Neue Forschungen belegen, dass 13% bis 20% aller Kinder im Alter von 24 Monaten noch keine 2-Wort-Sätze bilden können. Diese sogenannten „Spätsprecher“ entwickeln zu 50% eine Sprachentwicklungsstörung. Bei wiederum 50% der Kinder mit Sprach-entwicklungsstörungen tritt in Folge eine Legasthenie auf.
Existieren Minderleistungen in der visuellen und auditiven Wahrnehmungs-verarbeitung und des phonologischen Bewusstseins, kann dies auch eine Ursache der Legasthenie sein.
Noch unerforscht ist der Zusammenhang zwischen Legasthenie und übermäßigem Fernsehkonsum. Sicher ist, dass Kinder mit besonders hohem Fernsehkonsum in der Regel die schwächsten Leistungen in Sprach- und Lesetests erbringen.
Eine verminderte Intelligenz oder eine minderwertige Beschulung sind keine Ursachen.

Legasthenie: Welche Hilfen sind sinnvoll?
Legasthenie ist therapierbar, jedoch ist die Störung sehr stark einwirkend und daher braucht eine Therapie in der Regel sehr lange, um Fortschritte zu zeigen.
Bei früher Diagnose können die Symptome meist kompensiert werden, je später eine Diagnose erfolgt, desto geringer ist oftmals der Erfolg.

Das Therapieprogramm muss stets individuell zugeschnitten sein und besteht aus einem Training der Bereiche, in denen Wahrnehmungsstörungen vorliegen und einem Rechtschreibtraining und einem lernstrategischen Programm. Allen Maßnahmen zugrunde liegt ein Test, der durch einen anerkannten Lerntherapeuten oder einen Psychologen durchgeführt werden kann.
Vor diesem Test wird noch eine ausführliche Anamnese durchgeführt, die Grundlage auch für weitere Therapieansätze ist.
Wenn sich bereits sekundäre, durch die Legasthenie abgeleitete Verhaltensauffälligkeiten zeigen, so ist der Besuch eines Psychotherapeuten oder eines Psychologen dringend angeraten.
Auch, wenn „nur“ eine Legasthenie ohne weitere psychische Beeinträchtigungen vorliegt, so dauert eine Therapie in der Regel sehr lange, oft mehrere Jahre.
Ein individuelles Förderprogramm umfasst ein Rechtschreibtraining, ein lautanalytisches Funktionstraining, lernstrategische Maßnahmen in den Bereichen, in denen Wahrnehmungsstörungen vorliegen, Entspannungs- und Aufmerksamkeits-übungen, psychomotorische Übungen, oft auch in Verbindung mit speziellen Lernprogrammen am PC.

Unterstützend können schon kleinste Hilfsmittel, wie zum Beispiel Farbfolien, beim Lesen helfen.
Darüber hinaus sind ein strukturierter Tagesablauf und eine strukturierte Lernhilfe ebenfalls von großer Wichtigkeit

Abschließend soll noch einmal erwähnt sein, dass jeder legasthene Mensch ein negatives Selbstbild hat. Aus diesem Grund ist es absolut unerlässlich, bei einer Therapie die Stärken zu stärken und eher auf ihnen als auf den Schwächen aufzubauen. Ein positives Arbeitsklima ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie, ebenso wie die Vorgehensweise, Fehlerbeobachtungen diskret durch-zuführen, um das Selbstbild nicht noch weiter zu schwächen.

Wichtig bei allen Hilfe ist eine enge Zusammenarbeit zwischen legasthenem Menschen, der Schule, den Eltern und dem Therapeuten.
Zudem ist es von Vorteil, in den Schule den sogenannten Nachteilsausgleich zu beantragen, damit Schrift und Rechtschreibung anders gewertet werden (oft gar nicht) und so eine entspanntere Schulsituation für das Kind geschaffen werden kann.

2017-08-08T15:38:43+00:00 08. August 2017|